Adivasi trommeln gegen Globalisierung

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Adivasi trommeln gegen Globalisierung

Sumud auf Fact-Finding bei den indischen Ureinwohnern
Im Februar 2011 reiste eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten der antiimperialistischen Voluntärsvereinigung Sumud in jene Gebiete Indiens, in denen der Widerstand der Ureinwohner am stärksten ist.

Von Wilhelm Langthaler

Hinein in die befreiten
Gebiete


Die Mission führte in die südöstlichen
Gliedstaaten Chhattisgarh, Jharkhand, Andhra Pradesh und Westbengalen. Höhepunkt
war ein Besuch in Dantewada im Süden Chhattisgarhs, das von den indigenen
Rebellen kontrolliert wird. Das geschah auf Einladung der lokalen Organisation
Tudum Debba (Adivasi Drum). Wir wurden dabei von Rechtsanwälten des Andhra
Pradesh Civil Liberties Committee (APCLC) begleitet.


Im Jeep passieren wir die Grenze zwischen Andhra
Pradesh und Chhattisgarh in den Distrikt Dantewada. Es ist einer der ärmsten der
gesamten indischen Union, was leicht an den sozialen Indikatoren wie
Analphabetenrate, Kindersterblichkeit, Lebenserwartung usw. abgelesen werden
kann. Aber es reicht schon das wache Auge des ortsunkundigen Besuchers.
Zunehmend werden die Straßen schlechter, bis der Asphalt und dann schließlich
die Schotterung verschwinden. Unsere Begleiter weisen uns auf ein zerstörtes
Gebäude am Straßenrand hin. „Eine ehemalige Polizeistation, die von den Maoisten
gesprengt wurde. Hiermit endet die Kontrolle des Staates.“


Bereits zuvor waren uns am Straßenrand
handschriftliche Flugblätter aufgefallen, die mit Holznägeln angeschlagen worden
waren. Sie forderten ein Ende der Operation Green Hunt, des Krieges des
indischen Staates gegen seine Ureinwohner (Adivasi).


Widerstand – wogegen?


Der indische Premierminister Manmohan Singh
bezeichnet den Aufstand als größte innere Bedrohung für den Staat. Ganz nach
amerikanischem Vorbild fällt dieser unter Terrorismus und müsse
selbstverständlich mit harter Hand bekämpft werden. Gerne spricht man über
Linksextremismus und Maoismus, sehr selten hört man indes, dass es Adivasis
sind, die diesen Aufstand führen und dass sie an bestimmten Orten die große
Mehrheit der lokalen Urbevölkerung vereinigen. Es sind die Ärmsten der Armen,
die da zu den Waffen greifen. Warum?


Der Prozess der Zurückdrängung der Adivasis läuft
bereits Jahrhunderte. Sie konnten sich nur in unzugänglichen und
landwirtschaftlich schwer nutzbaren Gebieten halten und ihre teilweise
archaische Lebensweise fortsetzen. Sie lebten von der Subsistenz in den Wäldern,
zwar in materieller Armut aber unbehelligt – und konnten so Sprache und mitunter
steinzeitlich anmutende Kultur erhalten. Ihr einziger Kontakt mit der Außenwelt
waren Händler oft aus den eigenen Reihen, die gesammelte und gejagte Produkte
des Waldes vermarkteten und im Gegenzug einfachste Waren des Alltags käuflich
erwerbbar machten. Es handelte sich um schlimmste Ausbeutung. Den Adivasis kam
der unterste Status in der Gesellschaft zu, gleich den Unberührbaren, den
Dalits. Doch niemals gab es dagegen eine politische Bewegung und einen
bewaffneten Aufstands des heutigen Ausmaßes. Zwei Faktoren erklären dies:


Erstens setzte man nach der Wende 1989/91 die
neoliberalen Rezepte auch in Indien um. Die Globalisierung schlug zu. Nachdem
der indische Südosten sehr reich an Rohstoffen ist, handelt es sich vor allem um
Bergbauprojekte und Grundstoffindustrien in drei Bereichen: Gewinnung von
Eisenerz und seine Verhüttung, Bauxitabbau und Aluminiumerzeugung, Kalkbergbau
und seine Verarbeitung zu Zement. Indischen und internationalen Konzernen werden
äußerst günstige Konditionen geboten. Die Auflagen hinsichtlich Umweltschutz
sind lächerlich, notwendige Ressourcen wie Wasser können frei genutzt werden,
wobei die Interessen der lokalen landwirtschaftliche Bevölkerung, für die Wasser
in jeder Beziehung ausschlaggebend ist, straflos mit Füßen getreten werden.
Arbeitskraft ist spottbillig. Die Adivasis, die keine Landwirtschaft treiben und
auch über keine Besitztitel über ihr Land verfügen, wurden nicht einmal als Luft
betrachtet. Erst ihr massiver Widerstand gegen die massenhafte Vertreibung und
Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen machte sie zu einem Problem für die
herrschenden Eliten.


Zweiter Faktor ist die maoistische Durchdringung.
Die Maoisten auch Naxaliten genannt, waren in den 70er und 80er Jahren vor allem
eine bäuerliche Bewegung der Dalits. Andhra Pradesh war eine ihrer Bastionen.
Doch systematische Verfolgung und Repression trieb sie in die Wälder zu den
Adivasis. Dort integrierten sie sich, wurden zum Teil der Stammesgesellschaften
und politisierten und modernisierten sie dadurch. Erst ihre Anwesenheit und
Organisation ermöglichte den Widerstand und gab ihnen einen politischen
Ausdruck. Der rücksichtlose Griff der Konzerne auf die Adivasi-Gebiete ab der
Jahrtausendwende goss Öl ins Feuer und entfachte den heutigen Brand. Er
bescherte den Naxaliten stürmischen Zulauf.


Regierungsmiliz und Grüne
Jagd


Von an die Hundert Memoranda of Understanding
(MoU) mit Großkonzernen wurden – dank des Widerstands – erst ein Bruchteil
umgesetzt. Daher ergriff die Regierung eine radikale Gegenmaßnahme. Sie half bei
der Bildung einer Bürgerkriegsmiliz, die sich um sozial besser gestellte
Schichten der Stämme, vor allem um die Händler und Forstverwalter gruppierte.
Unter dem Namen Salva Judum (unterschiedlich übersetzt als „peace march“ oder
auch „purification hunt“) begann eine Kampagne der verbrannten Erde. Tausende
Dörfer wurden niedergebrannt. Jede, der unter Verdacht stand, in der Nähe der
Maoisten zu sein, war seines Lebens nicht mehr sicher. Mehrere Hunderttausend
Menschen wurden vertrieben und in Regierungslager gepfercht. So sollte
gleichzeitig der Widerstand vernichtet und der Weg zur Entwicklung, wie sie von
den kapitalistischen Eliten verstanden wird, freigegeben werden.


Doch den Internierten bot sich keine Perspektive.
Kein Land, keine Arbeit, keine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser und
Lebensmittel, keine Schule etc. Viele Vertriebene kehrten in die Wälder zurück
und schlossen sich den Maoisten an. Politisch war Salva Judum letztlich ein
Schuss, der nach hinten losging.


Viele der Milizionäre wurden in der Folge in
paramilitärische Verbände eingebunden. Polizei und Armee sind zunehmend
involviert. Das, was der Staat gerne als Konflikt zwischen den Stämmen oder als
Selbstverteidigung gegen den roten Terror dargestellt hätte, muss nun doch offen
unter seiner Führung von statten gehen – tituliert: Grüne Jagd. Dieser Krieg des
indischen Staates gegen seine Ureinwohner dauert mit ähnlichen Methoden wie jene
von Salva Judum bis heute an und intensiviert sich sogar noch.


Keine Schule, dafür aber
Malaria


Wir lassen unser Fahrzeug stehen und begeben uns
in die Weiler der kleinen Ebene, deren Zentrum bestehend aus einem halben
Dutzend Lehmhäusern Maita genannt wird. In Landkarten oder im Internet lassen
sich die uns genannten Ortsbezeichnungen nicht wieder finden. Kommentar der
Aktivisten: „Gute Karten sind eine Waffe und stehen daher ausschließlich dem
Militär zur Verfügung.“


Überall gibt es zahlreiche Kinder, die auch am
Vormittag nicht in die Schule gehen. Im Gespräch mit den Bewohnern wird klar,
dass es hier niemals ein funktionierendes Schulwesen gegeben hat. Auch schon
früher kam das Lehrpersonal nur ab und an ins Dorf. Jedenfalls zu selten, um
Lesen und Schreiben zu vermitteln. Mit der Eskalation des Konflikts stellte man
auch diese Rudimente des Schulwesens ein. Man zeigt uns die zerstörte Schule:
„Sie hat den Paramilitärs als Stützpunkt gedient.“ Am darauf folgenden Tag
besuchen wir ein Internat, wohlgemerkt bereits auf dem Territorium Andhra
Pradeshs. Es sind die einzigen Orte an dem Adivasi-Kinder aus den Konfliktzonen
tatsächlich eine seriöse Schulbildung erhalten. Laut dem Direktor werden nur
2-3% der Kinder durch solche Internate, wo gratis ausgespeist wird, erfasst.
Kein Wunder, dass Dantewada zu den Bezirken mit dem höchsten Analphabetismus
ganz Indiens gehört.


Wir haben zwei Rucksäcke voll einfacher
Medikamente mitgebracht, preisgünstige indische Generika. Vor allem gegen
Malaria, dann noch Antibiotika, Verbandsmaterial und Ausgleichsstoffe gegen
Mangelernährung. Im Gespräch mit den Bewohnern des Weilers Posagudem ist die
Diagnose des uns begleitenden Arztes klar: Malaria. Die Krankheit ist
allgegenwärtig. Sunam Chendi wird uns als lokaler Schamane vorgestellt. Er führt
selbst auch Behandlungen durch. Wir erfahren, dass seine Frau und eine Tochter
bereits am Wechselfieber verstarben. Auch er ist offensichtlich erkrankt. In
Posagudem scheint es die Mehrheit der mutmaßlich zwei Dutzend Bewohner erwischt
zu haben. Unser Arzt verteilt Malariamedikamente und erklärt mittels Übersetzer
die Einnahme.


Im Verlauf unserer Besuche und Gespräche in den
Weilern der Umgebung wird uns klar, dass die Organisation Ärzte ohne Grenzen
(MSF) präsent ist. Sie kommt einmal pro Woche, erstellt Diagnosen, verschreibt
Medikamente und gibt diese auch aus. Jeder Patient erhält einen Handzettel auf
dem sich alle Daten befinden. Wir treffen in der Folge auch auf ein Team von
MSF. Die Leiterin erklärt, dass ihre Vereinigung in Absprache mit der Regierung
von Chhattisgarh am Rande des gesamten Konfliktgebiets tätig ist. Auch mit den
Maoisten gäbe es keine Konflikte. Letztere scheinen MSF zu dulden, jedenfalls an
den Randgebieten ihrer Kontrolle.


Nicht Hindu, sondern Koja


Obwohl wir unbehelligt in das Gebiet der Guerilla
eintreten konnten, passierte das nicht unbeobachtet – nämlich von beiden Seiten.
Bereits an unserem Ausgangspunkt, der Bezirkshauptstadt Bhadrachalam, teilten
uns unsere Begleiter mit, dass wir unter Beobachtung der Polizei stünden. Auch
die andere Seite war nicht untätig. Nach einiger Zeit tauchten zwei Milizionäre
auf, die beide ausschließlich Koja sprachen. Beeindruckend ihre Bewaffnung:
selbstgebaute Gewehre! Sie nahmen uns Handys, Kameras und vor allem die
Autoschlüssel ab. Mit einigen Übersetzungsschwierigkeiten brachten wir unser
Anliegen vor. Unsere Begleiter setzten ein kleines Schreiben auf, dass an die
lokale maoistische Kommandantur gerichtet war. Wir wurden angewiesen zu warten
und verbrachten die Nacht im Haus des Dorfvorstehers von Maita.


Am nächsten Tag unternahmen wir einen ausgedehnten
Rundgang durch die Ansiedlungen – immer mehr auch mit der Idee wieder unsere
Autoschlüssel zurückzuerhalten. Denn man sagte, dass eine Genehmigung der
Adivasi-Guerrilla, tiefer in die befreiten Gebiete vorzudringen, Tage dauern
könne, die wir nicht zur Verfügung hatten. Die Schlüssel waren tatsächlich einer
Vertrauensperson des Dorfes überantwortet worden, so dass wir jederzeit die
Rückfahrt antreten konnten.


Bei einem jungen Mann namens Rama Krishna aus
Posagudem war uns ein hinduistisches Symbol aufgefallen, das er um den Hals
trug. Ich frage ihn, ob er Hindu sei. „Nein Koja!“ war seine sehr bestimmte
Antwort. Der uns begleitende Rechtsanwalt Raghunath Verose aus Hyderabad
kommentierte: „Die Hindu-Symbole sind nicht Ausdruck einer Identität oder eines
Glaubens, sondern mehr zufällig. Sie erhalten sie als Geschenke oder denken,
dass sie zum guten Ton in der Umgebungsgesellschaft gehören.“


Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass auch in
diesem Randgebiet der Konfliktzone die kulturelle Identität der
Stammesgesellschaft intakt ist, was sich auch an der durchgängigen Verwendung
der eigenen Sprachen ablesen lässt. Die Tatsache, dass wir nächtens einen
scheinbar batteriebetriebenen Fernseher hörten, tut dem keinen Abbruch. Unsere
Begleiter meinten, dass tiefer in den Wäldern diese Kultur noch viel stärker
ausgeprägt sei, teilweise sogar noch mit Polygamie. Die Maoisten würden solchen
archaischen Sitten, wie beispielsweise auch die Verstümmelungen von Frauen,
jedoch einen Riegel vorschieben.


Am nächsten Tag besuchten wir einige Dörfer
jenseits der Grenze, also bereits in Andhra Pradesh außerhalb des
Rebellengebietes. Es handelte sich wahrscheinlich um Flüchtlinge aus der Zeit
der großen Vertreibungen durch Salva Judum 2005 und den folgenden Jahren. Der
Unterschied zur Stimmung und zum Verhalten zum Vortag war frappierend. Die
Menschen vermieden jede politische Äußerung, wollten auch keinen Grund für ihre
Migration nennen. Wir konnten nur herausbekommen, dass das Land auf dem sie
lebten, nicht ihnen gehört. Das Dorf Bandigumpu gehört dem Stamm der Gutikoja
an, einer Untergruppe der Koja. Sie werden vom indischen Staat als „Primitive
Tribal Group“, also noch rückständiger als „Scheduled Tribes“, klassifiziert.
Die Aktivisten von Adivasi Drum erklärten uns, dass die Gutikoja von den Koja
ausgebeutet und vergleichbar mit einer niedrigeren Kaste behandelt würden. Der
Führer von Salva Judum, Mahindra Karma, gehöre den Koja an, während die meisten
Gutikoja die Maoisten unterstützten. Die reaktionäre Stammesmiliz würde diese
konfliktbehafteten Stammesbeziehungen für ihre Kampagne nutzen.


Unser Arzt behandelte einen Mann, der sich eine
Fußverletzung zugezogen hatte, die bereits böse entzündet war. Warum er nicht zu
einem Arzt ginge, sonst laufe er Gefahr, dass ihm das Bein abgenommen werden
müsse? Die Kosten von 10 Rupien, umgerechnet rund 15 Eurocent könne er sich
nicht leisten. Eine gute Mahlzeit in einem Straßenrestaurant kostet zum
Vergleich vielleicht 50 Eurocent. Dass er diese Summe nicht zu mobilisieren in
der Lage oder bereit war, ließ uns auf die Apathie des Elends schließen, die
auch mit der Entwurzelung in Verbindung gebracht werden mag.


Einige Dutzend Kilometer entfernt besuchten wir
noch ein Dorf mit dem Namen Tippapuram. Seine Bewohner deklarierten sich dem
Stamm der Kondaredlu zugehörig, ebenfalls der Obergruppe der Koja zuzurechnen,
und waren vor einigen Jahren aus dem Inneren Chhattisgarhs geflohen. Auch hier
ein ähnliches Bild. Übrigens fanden wir nirgendwo Kinder und Jugendliche vor,
die eine Schule besuche würden.


Fortsetzung der Sumud-Projekte in
Indien


Die Diskussionen mit unseren Partnern vor Ort und
auch unter uns kreisten um die Frage, wie man in Europa auf die Situation und
den Kampf der Adivasis aufmerksam machen könnte, ohne dabei in die neokolonialen
Muster der NGOs zurückzufallen. So wie in vielen Ländern der Peripherie, werden
auch in Indien von den diversen Widerstandsbewegungen die NGOs radikal
abgelehnt. In einem abschließenden Gespräch mit der Schriftstellerin Arundhati
Roy in Neu Delhi knapp vor unserer Abreise meinte diese, dass die Gelder der
NGOs zahlreichen legitimen und starken Widerstandsbewegungen gegen Auswirkungen
der Globalisierung die Spitze abgebrochen hätten.


Grundidee von Sumud ist es, sich am Leben der
Widerstand leistenden Bevölkerung zu beteiligen, sie damit einerseits zu
unterstützen und andererseits aus den gewonnenen Erfahrungen zu lernen. Durch
diese Praxis kann die ideologisierte und uniformierte Sicht auf die Welt, wie
sie der hiesige Medien- und Bildungsapparat vermittelt, durchbrochen werden.
Politischen Druck hier in Europa zu erzeugen, ist letztlich die beste
Unterstützung, die man dem Widerstand angedeihen lassen kann.


Von Seiten der verschiedenen Instanzen der
Adivasi-Bewegung kam eine klare Aussage: Wir wollen und brauchen Teams von
Freiwilligen, die medizinische Hilfe leisten und ihr Wissen weitergeben. Das hat
aber nur Sinn innerhalb der befreiten Gebiete, in denen es praktisch keinerlei
Versorgung gibt. Es kam aber noch eine weitere Idee auf. In einigen Gebieten
unter dauerhafter maoistischer Kontrolle gibt es alternative
Entwicklungsmodelle, die auch einen kollektiven Anspruch haben. Auch auf diesem
Feld wäre die Mitarbeit von Freiwilligen, vor allem was einfache und ökologische
Agrartechnologie betrifft, sehr gefragt. All das erfordert indes eine längere
Verweildauer, um sinnvoll zu werden.


Jedenfalls ist hier Großes im Gang. Nicht nur in
Indien wird nach Wegen alternativer Entwicklung zur kapitalistischen
Globalisierung gesucht. Denn im Gegensatz zu mancher orientalistischen,
romantisierenden Vorstellung von Indien wollen die breiten Massen nicht in Armut
verbleiben. In Indien sprechen nicht nur die Maoisten, sondern viele Gegner des
von der globalen und indischen Oligarchie propagierten Modells von „peoples’
development“, also einer Entwicklung die nicht nur den Massen dient, sondern
auch von ihnen selbst kontrolliert wird. Das sich vollziehende Experiment der
Mao-Adivasis ist dazu ein wichtiger Beitrag und darf nicht unter dem
Pauschalvorwurf des Terrorismus ausradiert werden.


Der indische Staat ist jedenfalls nicht
zimperlich. Obwohl er sich an die Brust heftet, die größte Demokratie der Welt
zu sein, unterdrückt er die Opposition heftig. Auch jene die lediglich Dissens
äußern, sitzen zu Zehntausenden in den Gefängnissen. Letzter prominenter Fall
ist jener von Dr. Binayak Sen, einem Armendoktor in den Konfliktgebieten
Chhattisgarhs, dem die Unterstützung des Terrorismus vorgeworfen wird. Urteil:
Lebenslänglich.


Der Autor dieser Zeilen wird wohl das letzte Mal
in Indien gewesen sein. Er war 2009 bei einer Blockade des Bauplatzes für ein
Stahlwerk des multinationalen Konzerns Posco aufgegriffen worden. Bei der
Passkontrolle poppte am Bildschirm des Beamten rot auf: „Prevent this subject
from entering India“. Doch da reiste er bereits wieder aus. Die Moral von der
Geschicht: In den Ritzen des Systems gibt es genug Platz für Widerstand. Es geht
nun darum die Spalten weiter zu öffnen.


 


Dies ist ein Vorabdruck des Artikels
der in der Zeitschrift Intifada der Nr. 33
demnächst erscheinen wird.