Wanderung mit den Genossen

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Wanderung mit den Genossen

In den Dschungeln Zentralindiens mit der Guerilla

Im vergangenen Monat beschloss Arundhati Roy in aller Stille und unangekündigt, die abweisenden und verbotenen Bezirke der Dandakaranya-Wälder Zentralindiens zu besuchen, die Heimat einer Vielfalt von Stammesvölkern, von denen viele zu den Waffen gegriffen haben, um ihr Volk vor den vom Staat unterstützten Marodeuren und Ausbeutern zu schützen. Sie zeichnete mit beträchtlicher Genauigkeit ihre erste journalistische „Begegnung” von Angesicht zu Angesicht mit den bewaffneten Guerillakämpfern auf, mit ihren Familien und Kameraden, wofür sie wochenlang auf persönliches Risiko die Wälder durchstreifte.

In Dantewada trägt die Polizei Zivil und die Rebellen Uniform. Der Gefängnissuperintendent sitzt im Gefängnis. Die Gefangenen sind frei (dreihundert von ihnen entkamen vor zwei Jahren aus dem alten Stadtgefängnis). Frauen, die vergewaltigt wurden, sitzen im Polizeigewahrsam. Die Vergewaltiger halten Reden im Bazar.

Auf der anderen Seite des Flusses Indravati, in dem von Maoisten kontrolliertem Gebiet, liegt der Ort, den die Polizei 'Pakistan' nennt. Dort sind die Dörfer leer, aber der Wald ist voller Leute. Kinder, die zur Schule gehen sollten, rennen wild herum. In den hübschen Walddörfern sind die Zementschulen entweder gesprengt worden und sind ein Trümmerhaufen oder sie sind voller Polizei. Der tödliche Krieg, der sich im Dschungel entwickelt, ist ein Krieg, über den die Regierung sowohl stolz als auch befangen ist. Die 'Operation Green Hunt' (Operation Grüne Jagd) ist sowohl proklamiert als auch geleugnet worden. P. Chidambaram, Indiens Innenminister (und Generalmanager des Krieges), sagt, er existiere nicht, er sei eine Medienerfindung. Und dennoch sind erhebliche Gelder dafür bereitgestellt und zehntausende Soldaten sind dafür mobilisiert worden. Obwohl der Kriegsschauplatz in den Dschungeln Zentralindiens liegt, wird er ernsthafte Konsequenzen für uns alle haben.

Wenn Gespenster die zurückbleibenden Geister von jemandem sind oder etwas, was aufgehört hat zu existieren, dann ist vielleicht die vierspurige Autobahn, die durch den Wald geschlagen wurde, das Gegenteil eines Gespenstes. Vielleicht ist sie der Vorbote dessen, was kommt.

Die Antagonisten im Wald sind verschieden und ungleich in beinahe jeder Beziehung. Auf der einen Seite steht eine massive paramilitärische Streitmacht, bewaffnet mit dem Geld, der Feuerkraft, den Medien und der Anmaßung einer entstehenden Supermacht. Auf der anderen Seite stehen gewöhnliche Dorfbewohner, bewaffnet mit traditionellen Waffen und unterstützt von einer hervorragend organisierten, hoch motivierten maoistischen Guerilla-Streitmacht mit einer ungewöhnlichen und gewalttätigen Geschichte bewaffneter Rebellion. Die Maoisten und die Paramilitärs sind alte Gegner und ältere Avatars von einander haben schon öfters zuvor gegeneinander gekämpft: Telengana in den 50-ern; Westbengalen, Bihar, Srikakulam in Andhra Prodesh Ende der 60-er und 70-er Jahre; und wieder in Andhra Pradesh, Bihar und Maharashtra seit den 80-ern bis heute. Sie sind vertraut mit den gegenseitigen Taktiken und haben die gegenseitigen Kampf-Handbücher gründlich studiert. Jedes Mal schien es, als ob die Maoisten (oder ihre früheren Avatars) nicht nur einfach besiegt, sondern buchstäblich physisch ausgelöscht worden seien. Und jedes Mal sind sie wieder auferstanden, besser organisiert, entschlossener und einflussreicher denn je zuvor. Heute hat sich der Aufstand wieder in den Wäldern, so reich an Bodenschätzen, von Chhattisgarh, Jharkhand, Orissa und Westbengalen ausgebreitet, die Heimat von Millionen indischer Stammesmenschen, das Traumland der korporativen Welt.

Für das liberale Gewissen ist es einfacher zu glauben, dass der Krieg in den Wäldern ein Krieg zwischen der Regierung von Indien und den Maoisten ist, die Wahlen einen Betrug nennen, das Parlament einen Schweinestall, und die offen ihre Absicht erklärt haben, den indischen Staat zu stürzen. Es ist auch bequem zu vergessen, dass die Stammesvölker in Zentralindien eine Geschichte des Widerstandes haben, die Jahrhunderte älter als Mao ist. (Das ist natürlich eine Platitude. Wäre es nicht so, würden sie nicht existieren.) Die Ho, Oraon, Kol, Santal, Munda und Gond haben alle mehrmals rebelliert, gegen die Briten, gegen die Zamindars [Großgrundbesitzer, aber ursprünglich die Steuereintreiber des Moguls, die schließlich eine eigene Schicht im Feudalsystem bildeten. D.Ü.] und gegen die Geldverleiher. Die Rebellionen wurden grausam niedergeschlagen, viele tausend Menschen wurden getötet, aber die Völker wurden niemals erobert. Selbst nach der Unabhängigkeit standen die Stammesvölker an der Spitze des ersten Aufstandes, der als maoistisch bezeichnet werden konnte, im Dorf Naxalbari in Westbengalen (daher das Wort Naxaliten, das jetzt synonym mit 'Maoisten' benutzt wird). Seit damals ist die Politik der Naxaliten unlösbar mit den Stammesaufständen verbunden, was ebenso viel über die Stämme wie über die Naxaliten aussagt.

Das vollständige Tagebuch finden Sie hier.

Dies ist ein Auszug aus der deutschen Übersetzung von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Übersetzung von Einar Schlereth und Fausto Giudice.